Hier spielt die Musik!

30.09.2013
Rechteinhaber n. b.

Ist das Jugendwerk eine Organisation und/oder eine politische Bewegung? Propagieren oder leben wir den demokratischen Sozialismus? Singen wir die alten Lieder aus nostalgischen oder traditionellen Gründen? Wünschen wir uns von Autoritäten (z.B. Politiker*Innen), dass sie die gesellschaftlichen Verhältnisse verändern oder zeigen wir selbst politischen Willen und somit politische Tat, um die Verhältnisse zu verändern? Wirken wir nur systemstabilisierend oder haben wir noch den Anspruch der Systemveränderung aus der Perspektive der Lebenswelt von Kindern und Jugendlichen? Nehmen wir also den Auftrag gemäß SGB VIII, §1, Abs. 3 ernst, in dem es heißt "Jugendhilfe soll […] dazu beitragen, positive Lebensbedingungen für junge Menschen und ihre Familien sowie eine kinder- und familienfreundliche Umwelt zu erhalten oder zu schaffen [sic!]." ?

Diesen Grundsatzfragen zum Selbstverständnis des Jugendwerkes, wie sie auch im Rahmen der Seminare zur "Zukunft der Jugendverbandsarbeit" diskutiert wurden und weiterhin ihren Platz finden sollten, widmete sich im März 2013 in Potsdam eine illustre Meute. Zwei vertiefende Workshops - sowohl zur inhaltlichen als auch musikalischen Auseinandersetzung mit dem Thema - wurden auf dem Bundesiugendwerkstreffen in Kiel durchgeführt.

Über die Beschäftigung mit den Texten von Arbeiter*innenliedern und dem aktuellen Bezug war zwangsläufig die Frage verbunden, was Demokratischer Sozialismus - als Grundpfeiler in der Tradition unserer Werte - eigentlich heute für uns bedeutet und worüber er in der Praxis greifbar wird.

Wacht auf, Verdammte dieser Erde, die stets man noch zum Hungern zwingt! Das Recht, wie Glut im Kraterherde, nun mit Macht zum Durchbruch dringt.

Einen Zugang dazu bot uns die Auseinandersetzung mit unserem eignen Frust: Worüber rege ich mich auf? Welche politischen Entscheidungen und gesellschaftlichen Verhältnisse machen mich so richtig wütend? - Frust gibt es in unserer Gesellschaft mehr als genug. Er könnte ein Vehikel sein, um aktiv zu werden und für Veränderungen zu streiten. Tatsächlich ist der Umgang mit Frust aber zumeist destruktiv - Texte von prominenten Rappern wie Bushido und Co,, in denen Gewalt, Hass und Sexismus verherrlicht werden, spiegeln das wider, wie auch die barbarischen Auswüchse in Hellersdorf.

Der Demokratische Sozialismus hingegen kann diesen Frust in konstruktive Bahnen lenken. Er bietet eine Plattform für eine politische Bewegung und für einen gesellschaftlichen Gegenentwurf, in dem die Befriedigung menschliche Grundbedürfnisse nicht auf der Ausbeutung des Menschen durch den Menschen basiert. Der Sozialismus als eine Bewegung von Menschen, die im Hier und Jetzt aktiv werden und nicht darauf warten, dass Gott, Kaiser, Tribun, KanzlerIn oder Parlamentarier irgendwann in der Zukunft das gute und schöne Leben verwirklichen, hat seine Basis im zwischenmenschlichen Umgang. Gehe ich mit meinen Mitmenschen demokratisch-sozialistisch um? Ist das Jugendwerk ein Vorort für eine solche Bewegung? Pflegen wir in unserer Organisation den demokratisch-sozialistischen Umgang, sind wir eine Organisation der erlebbaren Alternative? Schaffen wir es, die Entrüstung aus den Jugendlichen herauszukratzen und sie zu ermutigen, für ihre eigenen Belange einzutreten, folglich MIT und nicht nur FÜR Kinder und Jugendliche Politik zu gestalten? Organisieren sich in unserer Organisation alle Bevölkerungsgruppen, oder wie können wir dies erreichen? Es geht um Sozialismus oder Barbarei bzw. musikalisch übersetzt: Dota Kehr oder Bushido?

Reinen Tisch macht mit dem Bedränger, Herr der Sklaven, wache auf! Ein Nichts zu sein, tragt es nicht länger, alles zu werden strömt zuhauf!

Wie sich gezeigt hat, muss eine traditionsbewusste Organisation wie das Jugendwerk die Tradition auf allen Ebenen und in verschiedenen Formen vermitteln, sich mit dieser Tradition auseinandersetzen, sie mit Inhalt füllen, gegenwärtige Bezüge herstellen und anhand dieser ihre gegenwärtige Arbeit reflektieren. Tradition mutiert ansonsten zu Nostalgie und vom demokratischen Sozialismus bleibt nur profaner Populismus oder emotionale Retorte übrig. Die Grundwerte Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität sollten sich als Querschnittsdimension in allen Facetten der Organisation wiederfinden und erlebbar sein: in der Art und Weise wie Fahrten durchgeführt werden, wie Mitglieder, Helfer*innen, aber auch Ehren- und Hauptamtliche miteinander umgehen, welche Spiele gespielt und welche Fahnen geschwungen und eben auch welche Lieder gesungen werden. Demokratie, und dies gilt insbesondere für die Ausprägung gemäß des Demokratischen Sozialismus, ist primär eine Lebensform!

Wir wollen Menschen für diese antikapitalistische Lebensform, die nicht auf Ausbeutung, sondern auf Solidarität basiert, gewinnen. Wir wollen die Alternative greifbar werden lassen, als gelebte Realität. Diese Lebensform im Kleinen zu leben und für diese Lebensform im Großen zu streiten, sollte das Ziel sein, um die Herrschaft des Menschen über den Menschen zu überwinden. Das entsprechende Lebensgefühl sollte sich auch in unseren Liedern wiederfinden. Gemäß dem Refrain des Solidaritätsliedes von Hanns Eisler und Bertold Brecht: "Vorwärts und nicht vergessen!"

An die Vorarbeit für eine eigene Jugendwerks-Hynme haben wir auf dem Seminar und dem Bundestreffen-Workshop ebenfalls gemacht. Spätesten 2019, wenn die AWO ihr 100jähriges Bestehen und das Jugendwerk sein 50jähriges feiert, wird sich zeigen, welche Lieder wir gemeinsam singen.

Autor: Marcus Mesch (ehem. Vorsitzender Bundesjugendwerk der AWO)