Kann es Solidarität in der heutigen Gesellschaft geben?

26.09.2010

Warum nicht? Stellt sich diese Frage überhaupt? Ist sie nicht einfach mit einem Blick auf das soziale Sicherungssystem oder auf die Breite zivilgesellschaftlichen Engagements zu beantworten. Spendenaufrufe, gemeinnützige Vereine, Betriebsräte, Streiks und Demonstrationen. Sind dies nicht alles Indikatoren, welche diese Frage einfach abnicken lassen?

Dennoch! Lassen sich diese Formen von Solidarität, soweit sie sich unter diesem Begriff definieren lassen, mit denen von vor einem Jahrhundert vergleichen? Der Zeit der ArbeiterInnenbewegung, Sozialistengesetze, Generalstreiks. Einer Zeit in der die Sozialdemokratie noch Anhänger hatte?

Auch wenn mensch die Situation heute und damals nicht direkt miteinander vergleichen kann (fiel doch in die Zeit der Industrialisierung, der Massenarmut, Ausbeutung und Verelendung auch noch ein Weltkrieg), scheint zumindest ein Kriterium zu überdauern: Die Strukturen sozialer Ungleichheit (Einkommens-, Macht-, Bildungshierarchie usw.) erweisen sich als sehr stabil - trotz wirtschaftlichen und technischen Fortschritts. Offensichtlich ist, dass ein Großteil der Bevölkerung, nachdem er vom 12-Stunden Tag malochen nach Hause kommt, nicht mehr in einer Wohnküche seine Zeit verbringt. In der Zeit des wirtschaftlichen Aufschwungs der 50er bis 70er Jahre haben viele Menschen sich eine Wohnung mit Wohnzimmer und Küche, wenn nicht sogar ein kleines Eigenheim, leisten können. Vor der Tür stand möglicherweise ein kleines Auto, währenddessen sich der "gehobenere" Teil ein Zweitauto und ein Urlaubshäuschen leisten konnte. Dieser scheinbare Angleichungsprozess sagt jedoch nichts über die Struktur sozialer Ungleichheit aus. Diese Struktur blieb, bis auf einzelne Verschiebungen, gleich. Das bedeutet, dass der Abstand der "beiden Gruppen" an Einkommen oder Möglichkeiten der Partizipation weiterhin weit auseinander lag. Dass sich die Lebensbedingungen der ArbeiterInnen z.B. durch steigende Löhne verbesserten, ging also nicht auf Kosten reicherer Personen. Im Gegenteil: die Entwicklung für diese Gruppe war dieselbe.

Und heute: Niemand kann mehr die Augen vor den Massen an Menschen, welche in prekären Verhältnissen leben, verschließen. Schon gar nicht, wenn die Kommission der Europäischen Union in ihrer Strategie "Europa 2020" vorschlägt, den Anteil an von Armut betroffenen Menschen in Europa bis 2020 um 20 Millionen Menschen gesenkt werden. Dies ist nicht nur aus dem Grund zynisch, dass alleine eine in Armut lebende Person ausreichen würde, politisch dagegen vorzugehen, sondern auch deshalb, weil allein in Deutschland mindestens 8 Millionen Menschen von ALG II oder von Hilfen zum Lebensunterhalt und somit in Armut leben. Die Struktur der sozialen Ungleichheit verschärft sich drastisch. Dabei stellt sich die Frage, warum der "Vorwärts" nicht mal wieder zum Generalstreik aufruft und alle machen mit. Warum solidarisiert sich nicht der Großteil der Menschen, gerade auch diejenigen, die nicht von Armut betroffen sind, miteinander?

Um sich dieser Frage zu nähern, möchte ich noch einmal kurz auf den Begriff der Solidarität eingehen. Der Begriff ist mittlerweile mehr als ein Jahrhundert alt und hat seitdem zahlreiche Wandlungen erfahren. Auch oder gerade heute wird Solidarität in unterschiedlicher Weise zu unterschiedlichen Zwecken verwendet. Zahlreiche Menschen haben sich damit auseinandergesetzt. Einen von ihnen möchte ich herausgreifen, der meiner Ansicht nach eine sehr interessante Herangehensweise an den Begriff hat: Léon Bourgeois (1851 - 1925), einer der Hauptgestalten des französischen Solidaritätsdiskurses, fasste seine Auffassungen in einem 1896 publizierten Text mit dem Titel "Solidarité" zusammen. Der Begriff selbst war noch einige Jahre zuvor kaum in politische Debatten eingegangen. Bourgeois führte den Begriff auf die Werte der Französischen Revolution zurück: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit -wobei er der Auffassung war, dass Solidarität eine Weiterentwicklung von Brüderlichkeit ist. Bourgeois lebte in der Zeit der vorangeschrittenen Industrialisierung, einer Zeit, in der sich die bisher bestehenden gesellschaftlichen Strukturen stark wandelten, neue Lebens- und Arbeitsformen entstanden, vor allem aber in einer Zeit der sich stark ausbreitenden Armut und Ausbeutung.

Auch hier trafen verschiedene Anschauungen zur Lösung der gesellschaftlichen Probleme aufeinander. Auf der einen Seite standen die auf der "Freiheit des Individuums" bedachten ÖkonomInnen, die das Heil der Gesellschaft im reinen Wirken der Marktgesetze sahen. Auf der anderen Seite sahen die Sozialisten das Genesen im Staat, der Markt und "individuelle Freiheit" einschränken sollte. Bourgeois meinte jedoch erkannt zu haben, dass sich bereits eine notwendige Beziehung der Solidarität zwischen den Individuen heraus gebildet hatte. Damit wendete er sich gegen die bereits etablierte Vorstellung, der Kampf aller gegen alle sei ein bestehendes Naturgesetz, ein Gesetz, dem alles und alle unterliegen. Bourgeois verstand, dass gerade in der Biologie Formen natürlicher Solidarität zu finden sind. Beispielsweise in der Beziehung zwischen Organen, deren Zusammenhang erst ein Organismus ergibt oder in den Beziehungen zwischen Mitgliedern einer bestimmten Tierart. In dieser Auseinandersetzung entwickelte er die Vorstellung einer "wechselseitigen Abhängigkeit der Menschen voneinander". Menschen sind demnach durch die Beziehungen der Solidarität mit ihren ZeitgenossInnen - insbesondere in Fragen der Gesundheit, der Arbeit, des Denkens oder der Gefühle - verbunden. Alleine können sie nicht agieren oder gar existieren.

Bourgeois war der Auffassung, Menschen seien nicht nur mit ihren ZeitgenossInnen sondern auch mit jenen aus der Vergangenheit und denen der Zukunft verbunden. Gesellschaften sind Vereinigungen, die die Individuen untereinander bilden und aus welchen sich Rechte und Pflichten für alle ergeben. Demnach ist der Mensch Schuldner gegenüber der Gesamtgesellschaft. Dies resultiert aus der Abhängigkeit der Menschen vorhergehender und künftiger Generationen. Diese Schuld ist das Gegenstück der Vorteile, die der/die Einzelne aus dem Gesellschaftszustand ziehe. Der/ die SchuldnerIn übernimmt ein angehäuftes Erbe der Vorfahren, wie Produkte der Arbeit, Ideen, Wissen und so weiter. Ob es sich nun um Nahrung, Bücher, Arbeitsmittel oder Straßen handelt. Alles Erschaffene resultiert aus dem Erbe der Vorfahren. All das zu benutzen ist eine Schuld, die jedem Menschen eine Verpflichtung auferlegt. Diese Verpflichtung, so Bourgeois, besteht gegenüber der kommenden Generation, Ideen, Kräfte und nützliche Dinge zu bewahren und verantwortungsvoll zu behandeln. Somit stehen die Menschen nicht nur durch vielfältigen Austausch mit ihren ZeitgenossInnen in Verbindung, sondern auch durch die Vermittlung eines "Erbes" mit den Vorfahren und den Nachkommen.

Über Bourgeois Vorstellungen kann sicherlich gestritten werden. Einen Punkt finde ich jedoch heraushebenswert. Er zeigt die Abhängigkeit der Menschen untereinander auf. Damit grenzt er Solidarität klar von Wohltätigkeit ab. Wohltätigkeit kennt nur Geben und Nehmen. Sie setzt damit ein Machtverhältnis voraus, zwischen einer Person, die gibt und einer, die nimmt. Dabei ist Solidarität soviel mehr. Hoffmann sieht Solidarität in einem Gleichheitsgrundsatz begründet, der sich ausdrücklich von einer bloß emotionalen Verbundenheit abgrenzt. Wersig beschreibt Solidarität als gegenseitige "Einstandspflicht". Bertram versteht Solidarität als wechselseitige Unterstützung. Hondrich erweitert dies auf die Erreichung eines gemeinsamen Ziels bei gegebenen Unterschieden und einer Abhängigkeit voneinander.

Die Frage ist, ob diese oder ähnliche Verständnisse von Solidarität heute getragen werden. Ulrich Beck’s Individualisierungstheorie liefert dazu eine diskutable Annahme. Seine These lautet: "[…] mit dem Eintritt in den Arbeitsmarkt sind immer wieder aufs neue Individualisierungsschübe […] verbunden." Beck verortet den Prozess der Individualisierung vor allem unter den Bedingungen des wohlfahrtsstaatlich organisierten Arbeitsmarktes. Er spricht dabei die Veränderungen von Berufsrollen und die Entwicklung der Arbeitsteilung der letzten 2 Jahrhunderte an. Dieser Prozess entzog Menschen der bis dahin bestehenden Integrationsmechanismen (Familie, Gemeindestrukturen, religiöse Zusammenhänge usw.), durch zunehmende Mobilität, Entstehung urbaner Großstadtsiedlungen und die Entwicklung sozialer Sicherungssysteme u. a. Die Individualisierungsschübe wirken sich relativ zu Familien-, Nachbarschafts-, Berufs- oder Betriebsbedingungen aus. Eine Entwicklung, die mit den Erfahrungen von Individuen mit dem "Kollektivschicksal am Arbeitsmarkt" konkurriert, in Form sozialer Risiken der LohnarbeiterInnenexistenz (Arbeitslosigkeit, Armut, Ausgrenzung). Diese Tendenzen individualisierter Existenzformen setzen Menschen mehr und mehr in den Mittelpunkt ihrer eigenen Lebensplanung und Lebensführung, um ihres eigenen materiellen Überlebens Willen. Trotz dessen sich also an den Abständen zu Einkommenshierarchie, Arbeitsteilungsstrukturen einerseits und fundamentale Bestimmung der Lohnarbeit andererseits nichts verändert hat, tritt für das Handeln der Menschen, für ihre Lebensführung die Bindung an eine Gruppe in den Hintergrund.

Bedeutet dies nun gleichzeitig, dass die Auflösung von Bindungen zu einer spezifischen Gruppe auch Solidaritäten zwischen den Menschen gefährdet? Spielt uns hier die Individualisierung, der sonst für mich positiv besetzte Begriff und Prozess, da er doch einen riesigen Schritt zur Selbstbestimmung bedeutete, einen Streich? Ich denke nicht. An dieser Stelle würde ich mich Bourgeois anschließen und die Natürlichkeit von Verbindungen zwischen den Menschen hervor heben. Auch wenn wir unterschiedlichen Dynamiken und Einflüssen unterliegen und sich möglicherweise Vorstellungen von Eigenverantwortlichkeit usw. verfestigen, bedeutet dies nicht die Auflösung einer natürlichen Verbindung und auch Abhängigkeit. Dennoch bedarf es an vielen Stellen eine Beschäftigung, Erinnerung und Schärfung mit, an und von Solidarität. Das Jugendwerk trägt in diesem Zusammenhang einen beträchtlichen Anteil dazu bei.

Von David Rolfs Bundesjugendwerk

(Der gesamte Artikel samt Literaturhinweise findet sich in der aktuellen Augabe der Exzess, Seite 24-26)