Per Anhalter durch die Kultur

23.10.2008


Per Anhalter durch die Kultur

Im Jugendwerk gibt es seit mehreren Jahren den Arbeitskreis zum Thema Interkulturelle Öffnung (IKÖ). Der AK IKÖ wurde auch in den letzten zwei Jahren in der Arbeitsgemeinschaft Partizipation und Verbandsentwicklung (AG PuV) von der Bundeskonferenz 2006 gewünscht, doch leider war er sehr überschaubar besetzt. Mit der Bundeskonferenz 2008 wurde nun das Bedürfnis geäußert und nachfolgend auch mit Beschluss festgesetzt, dass dieses Thema auf allen Gliederungsebenen diskutiert werden solle. Die AG PuV, welche sich aus allen Interessierten jeder Gliederung zusammensetzt, wurde als nicht ausreichend betrachtet. Nun hoffe und wünsche ich dem Jugendwerk, dass dieses wichtige Thema endlich mehr Beachtung erhält, aber auch, dass sich darüber ausgetauscht wird, was unter dem schwierigen Begriff "interkulturelle Öffnung" verstanden wird.

Das Ziel einer interkulturellen Öffnung setzt logischerweise ein scheinbar genaues Wissen darüber voraus, was denn Kulturen sind. Häufig wird Kultur als ein Verhalten bezeichnet, das sich aufgrund von der Herkunft des/der Betroffenen ergibt, daraus folgt eine nationale oder regionale Kulturzuschreibung. Als Mensch mit Migrationshintergrund ist, anhand der Größe der Nationen und Regionen, der Vielzahl der Menschen mit ihren individuellen Lebensweisen und ständigen Veränderungen in der Geschichte des Ortes, eine solche Zuschreibung kaum greifbar. Sind z.B. der Glaube an und das Leben nach einer Religion eine kulturelle Zuschreibung?

Die beiden Länder Deutschland und Türkei scheinen eine rechtsmäßige Trennung von Staat und Religion zu haben. Dennoch gibt es sowohl in Deutschland als auch in der Türkei verpflichtende Schulgebete und Ausgrenzungen bei Nicht-Auslebung der Religion und auf der anderen Seite Millionen von Menschen, die ohne Religion ihr Leben verbringen. Angebliche kulturelle Unterschiede wie Sprache, Essensgewohnheiten, Gebräuche oder Hobbys unterscheiden sich schon in meinem Wohnblock von Wohnung zu Wohnung und Mensch zu Mensch. Eine Kultur, die sich auf eine Herkunftszuschreibung beruft, erscheint mir demnach höchst ungenau und nur pauschalisierend.

Eine andere Bedeutung für das Wort Kultur wird auch im Sinne von Theater, Museen oder Literatur gesehen. Im Gegensatz zur Natur ist das eine Erschaffung des Menschen, welche in den meisten Fällen mit eindeutigen Bewertungen einhergeht. Ein Opernbesuch erscheint kulturell bedeutender als der neue Actionfilm im Kino, der Museumsbesuch wertvoller als das Konzert einer Rockband in irgendeinem Partykeller. Diese in Frage zu stellende Bewertung von Kultur hat jedoch zumeist nicht viel mit denen zu tun, die sich dieser Kultur angehörig fühlen. Da sich dieser Kulturbegriff sehr häufig auf Ideen und Erschaffenes von Verstorbenen oder nicht bekannten KünstlerInnen bezieht, kann die Person, die sich solcher Kultur zugehörig wähnt, ebenso wenig dafür wie für die eigene Herkunft, Name oder Alter.

Ich erachte es für deutlich sinnvoller, den Begriff Kultur als etwas Selbstbestimmtes und ohne Bewertung zu definieren, eine Gruppe von Menschen, die in irgendeinem Punkt Gemeinsamkeiten findet und/oder lebt. Kulturen werden eben nicht vererbt oder sind gleichartig und unveränderbar, sie erschaffen sich stets neu und verändern sich laufend.

Eine interkulturelle Öffnung bedeutet für mich nur teilweise die gezielte Arbeit mit Menschen mit Migrationshintergrund, sondern vielmehr eine offene, aufklärende Arbeit mit allen Menschen, die wir im Jugendwerk erreichen können. Wenn wir bisher nicht alle Menschen, insbesondere gesellschaftlich benachteiligte Kinder und Jugendliche, ansprechen konnten, sollten wir darüber nachdenken wie wir dieses verändern können. In unserer Gesellschaft, die geprägt ist von Gewinnmaximierung und radikalem Hedonismus, liegt es in unserer Hand, sich für Alternativen einzusetzen und die Werte des demokratischen Sozialismus so vielen Menschen wie möglich nahe zu bringen. Lasst uns in diesem Sinne für einen Austausch der Kulturen und weit mehr eintreten.

Liebe und Vernunft!

Jakob Immer

Bundesjugendwerk & LJW Hamburg

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