Move it! - Ferienfreizeiten mit Schwerpunkt Partizipation

27.09.2010
Move it! - Ferienfreizeiten mit Schwerpunkt Partizipation

"Move it! - Ferienfreizeiten mit Schwerpunkt Partizipation"

Ein Projekt des Landesjugendwerkes der AWO Thüringen im Rahmen des europäischen Jahres gegen Armut und soziale Ausgrenzung

Vorwort

Es ist schon interessant, dass das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) mit der am 15. Juni 2010 veröffentlichen Studie noch für öffentliche Bestürzung und (kurzfristige) Aufregung sorgt. Die Studie bekräftigt allerdings erneut nur das, was andere Berichte schon längst hervorgehoben haben und was auch das Jugendwerk in seinem sozialpolitischem Konzept als faktische Realität kritisiert: Die Anzahl von Geringverdienern und Armen nimmt seit langem besorgniserregend zu, während ebenso die Gruppe der Spitzenverdiener und Reichen Zuwächse zu verzeichnen hat. Darüber hinaus führt dieser Trend zu einem Schrumpfen der Mittelschicht, welche zusehends durch die Angst vorm Sozialabstieg verunsichert wird. Nun ist wieder von Demokratiegefährdung, sozialer Ausgrenzung und Diskriminierung die Rede. Dass dieser Trend nicht völlig überraschend ist, zeigt das "Europäische Jahr 2010 gegen Armut und soziale Ausgrenzung", innerhalb dessen dem Landesjugendwerk Thüringen folgendes Projekt zur Durchführung bewilligt wurde:

Eine Realität, die zur Tat zwingt

Die Idee des Projektes "Move it! - Freizeiten mit Schwerpunkt Partizipation" hat sich gewissermaßen aus der Realität ergeben. Auch in Thüringen ist das Problem der Kinderarmut keine negative Zukunftsvision, sondern faktische Realität.

In der Studie "Kinderarmut in Ost- und Westdeutschland" des Politologen Christoph Butterwegge, deren Erstauflage schon im Jahre 2005 erschien, wird der Situation in Erfurt sogar ein eigenes Unterkapitel gewidmet. Besonders im ländlichen Raum lässt sich zudem ein Rückgang von sozialen, kinderfreundlichen Angeboten verzeichnen. Nach Angaben des Landesjugendrings lauten die erschreckenden Zahlen wie folgt: "In Thüringen erhalten mehr als 58000 Kinder und Jugendliche unter 15 Jahren (= 23,2%) ein Sozialgeld. [...] In den größeren Städten Thüringens steigt der Prozentsatz sogar bis weit über 30% (z.B. Erfurt 34,2%) - Tendenz steigend!" Die hoch frequentierten Angebote der Ortsjugendwerke im Erfurter Rieth und im eher ländlich geprägten Eisenberg untermauern diese Zahlen. Dass Armut wiederum zu sozialer Ausgrenzung führt, lässt sich schon im eigens dafür eingeführten Kapitel des 3. Armuts- und Reichtumsberichts der Bundesregierung nachlesen. In wieweit so noch dem aus dem Grundgesetz abzuleitenden Prinzip der sozialen Gerechtigkeit entsprochen wird und die wachsende Ungleichheit in der Gesellschaft mittelfristig nicht auch Auswirkungen auf das Funktionieren der Demokratie an sich heraufbeschwört, darf nicht erst seit gestern gefragt werden. Dass sich dauerhaft von Armut, Diskriminierung und Ausgrenzung betroffenen Menschen dem Erhalt dieses Regierungssystems entziehen, belegt seit langem die zurückgehende Wahlbeteiligung. Im Prinzip ließe sich noch eine ganze Reihe von Beispielen anfügen, doch die Ausgangslage bzw. der Handlungsbedarf dürfte spätestens mit der Studie des DIW deutlich geworden sein. Trotz dieser Zahlen und Fakten wird Armut im Allgemeinen und insbesondere Kinderarmut gerne aus dem öffentlichen Bewusstsein verdrängt.

Was das Jugendwerk dagegensetzt

Aus diesem Grund hat sich das Landesjugendwerk Thüringen als politische Interessensvertretung von Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen das Projekt "Move it!" überlegt. Im Rahmen der Werte "Emanzipation und Solidarität" ist es oberstes Ziel des Jugendwerkes, sich für die Entwicklungschancen und soziale Teilhabe dieser Zielgruppe einzusetzen. Im Ausbildungskonzept heißt es dazu:

"Wir wollen Kinder und Jugendliche befähigen, ihre Wünsche und Bedürfnisse selbst zu erkennen. Wir wollen sie selbst dazu befähigen, diese der Gesellschaft gegenüber dann auch zu benennen."

Die Ferienfreizeiten sind demnach so gestaltet, dass nicht nur Kinder und junge Erwachsene aus sozial benachteiligten Schichten - unter dem Motto: Wir machen was für Arme -, sondern über die Schranken hinweg auch aus akademischen und mittelständischen Kreisen angesprochen werden. Den 1. Schritt bildet eine MultiplikatorInnenschulung im Sinne der JuLeiCa-Ausbildung, die sich thematisch an Ursachen und Lösungsstrategien von Armut orientiert. Auf der Grundlage eines respektierenden, wertschätzenden und auf intersubjektive Anerkennung beruhenden Umgangs untereinander erlangen die zukünftigen BetreuerInnen Wissen und Handlungskompetenz im Umgang mit Kindern aus sozial benachteiligten Milieus und für sich selbst ein reflektiertes und gestärktes Bewusstsein. So wird ihnen ermöglicht, ihr soziales Umfeld und die Struktur ihrer Alltagswelt auch nach dem Projekt bewusst zu gestalten und sich aktiv für die sozialen Rechte und Entwicklungschancen aller einzusetzen.

Mit der Unterstützung durch die MitarbeiterInnen des Landesjugendwerks gestalten und teamen diese MultiplikatorInnen in der zweiten Phase die Ferienfreizeiten für Kinder vor Ort. Neben dem Ausbau der Kommunikationsstrukturen zu internen Partnern (wie Ortsjugendwerken und AWO-Kreisverbänden) oder externen (wie Jugendclubs) liegt der Fokus dabei auch auf der Kooperation mit AkteurInnen aus der Lokalpolitik oder Vereinen. Auf diese Weise sollen sie konkret auf die Situation von Kindern und Jugendlichen aufmerksam gemacht und hinsichtlich ihrer Verantwortung für die Gesellschaft als demokratisch gewählte Mandatsträger oder als gemeinnützige Institutionen ermahnt und gefordert werden. Im Rahmen der Jugendwerkspädagogik sind die Ferienfreizeiten darüber hinaus so gestaltet, dass die Kinder Teilhabe- und Mitbestimmungserfahrungen sammeln können, weil sie als mündige Menschen wahrgenommen und ihre Bedürfnisse ernst genommen werden

Letztlich bieten die Freizeiten eine "Spielwiese" für (späteres) emanzipiertes Auftreten und Handeln. Der innovative Mehrwert für dieses Projekt erstreckt sich darauf, eine selbstbestimmte Identität zu entwickeln und so größere soziale Fähigkeiten unabhängig von der sozioökonomischen Situation der Eltern aufzubauen und die eigene Empathie zu stärken.

Christian-Friedrich "Lolli" Lohe

Landesjugenwerk Thüringen und Bundesjugendwerk der AWO