Internationale Arbeit

25.02.2008


Internationale Arbeit hat im Jugendwerk eine lange und gute Tradition. Es beginnt im weitesten Sinne mit Jugendreisen in andere Länder und Sprachferien, über Fachkräfteaustausch, Kinder- und Jugendbegegnungen bis hin zu integrationsfördernden Maßnahmen, um nur ein paar Vokabeln zu nennen. Fast jede Jugendwerksgliederung dürfte ein Angebot haben, welches dem internationalen Bereich zuzuordnen ist.

Internationale Jugendarbeit hat nicht nur eine gute und lange Tradition, es stellt vielmehr eine der Kernkompetenzen unseres Jugendverbandes dar und wurde dem Jugendwerk quasi in die Wiege gelegt. Diese starke Positionierung lässt sich zum einen durch das starke Engagement der AWO in diesem Bereich nach dem Zweiten Weltkrieg zurückführen und liegt damit bereits vor der Gründung des Jugendwerks. Zum anderen entsprechen die Zielsetzungen der internationalen Jugendarbeit allem, wofür das Jugendwerk seit seiner Gründung steht. Partizipation, Freiheit, Gleichheit und Solidarität - Diese Werte stehen auf unserem Banner und sind der rote Faden, an welchem wir uns in unserer täglichen Arbeit orientieren.

Diese Werte sind heute sehr aktuell und sollen, oder besser müssen, auch in Zukunft eine entscheidende Rolle in einer global orientierten Gesellschaft, sowohl in Deutschland, der Europäischen Union als auch weltweit, spielen, wenn diese Gesellschaft in Frieden, Freundschaft und sozialer Gerechtigkeit bestehen soll. Aus dieser Motivation heraus muss unser Ziel als Jugendwerk der Arbeiterwohlfahrt sein, auch über unsere Verbandsgrenzen hinaus in allen gesellschaftlichen Bereichen für diese Werte zu werben. Noch viel mehr ist es allerdings in unserem Sinn, unsere Anstrengungen im internationalen Bereich weiterzuführen und weiter auszubauen, denn hier können wir diejenigen, welche die globale Gesellschaft gestalten und in ihr leben werden, direkt erreichen.

In einer Gesellschaft, in welcher der Lebensmittelpunkt nicht mehr ein Land, eine Region oder gar eine einzige Stadt sein kann, sondern jedem Menschen der gesamte Globus als Ort der Verwirklichung von Ideen und sich selbst zur Verfügung steht, ist eine verlässliche Orientierung an eben diesen Werten ein nicht zu überschätzender Kompass. Diese Entwicklung sollte dabei als Chance verstanden werden, auch wenn sie selbstverständlich individuelle und globale Gefahren birgt. Für alle Generationen vorher war eine so kleine Welt, wie wir sie heute vorfinden, ein Traum und immer Gegenstand von Sehnsüchten und Phantasien. Vor allem die Abkopplung von Raum und Zeit durch moderne Kommunikationstechnologien und der weltweite Transfer von Wissen und Information, an dem jeder teilhaben und mitwirken kann, sind die prägenden Merkmale von heute.

Noch vor einhundert Jahren war die Vorstellung, in einem von Frieden und Freiheit geprägten Europa zu leben, pure Illusion. Heute ist ein Großteil der teilweise noch aus dem Mittelalter stammenden Stereotypen, wie z.B. die Idee des deutschen Erbfeindes Frankreich, abgebaut, doch bis in jüngste Zeit und auch noch heute sind Konflikte religiöser, ethnischer oder wirtschaftlicher Art Bestandteil der europäischen Realität. Der letzte Krieg in Europa, der Bürgerkrieg im ehemaligen Jugoslawien, fand erst 1999 sein Ende, an den Folgen laborieren wir noch heute und ein wirkliches Ende ist vorläufig nicht in Sicht. Ein weiteres aktuelles Beispiel ist die jüngste Verstimmung zwischen der Bundesrepublik und Polen, welcher sich auch zu einem großen Teil aus dem Zweiten Weltkrieg speist. Ebenso der Konflikt im Nahen Osten, der seit mittlerweile über 60 Jahren ungelöst ist und die gesamte Welt belastet.

Ursachen für solche Konflikte waren und sind Ideologien, Vorurteile, Ignoranz oder schlicht Missverständnisse. Hier ist auch der konkrete Ansatzpunkt für die Arbeit als Kinder- und Jugendverband zu finden. Wir können durch unsere Arbeit einen Beitrag zur interkulturellen Verständigung und zur Integration leisten. Durch Information, Lehren und Erfahren von sozialen und interkulturellen Kompetenzen, Erziehen zum freien Denken oder Lehren von Sprache. Wir können als Jugendwerk der Arbeiterwohlfahrt den Kindern und Jugendlichen das wohlstandsfördernde Miteinander über das Denken in klassischen Kategorien, wie Grenzen, Ländern und der eigenen Kultur, hinaus erlebbar machen, ohne diese jedoch zu missachten. Dies ist der Grundstein, auf dem eine weitere europäische Integration und Entwicklung hin zum europäischen Staatenbund und im weiteren auch der Export der Idee vom geeinten Europa aufbaut. Die Ideen und Konzepte der Kinder und Jugendlichen, die im Rahmen oder mit Hilfe unserer Angebote entwickelt werden, können dabei als "Blaupause" für solche Entwicklungen dienen.

Daneben wiegen die individuellen, sozialen und wirtschaftlichen Gefahren des Prozesses der Globalisierung, denen wir uns stellen und Konzepte gegen sie entwickeln müssen, für die Menschen sehr schwer. Dies liegt vor allem daran, dass die Menschen in den hoch entwickelten Industrienationen leicht zu Verlierern werden, ohne dass sich eine Wohlstandsmehrung bei einer anderen entsprechenden Gruppe einstellt und sich somit der gesamte Wohlstand mindert.

Ein ungelöstes Problem ist auch die Frage, womit die Aussicht auf einen zeitnahen Ausgleich der Verlierer begründet werden soll. Die Globalisierung folgt dabei den marktwirtschaftlichen Gesetzen, die einen Gerechtigkeitsbegriff selbst nicht kennen. Dies kann von einer Marktwirtschaft, mangels einer globalen politischen Einheit auch nicht geleistet werden. Somit ist die Globalisierung ein Wettlauf, bei dem keiner auf die Langsamsten wartet und diese zurücklässt. Auch hier können wir durch unsere Arbeit mit Bildung, Information und der Vermittlung unserer Werte darauf hinwirken, die Voraussetzungen für eine nachhaltige Absicherung des individuellen und einer Mehrung des weltweiten Wohlstands zu verbessern. Das Ziel kann nicht lauten, die Globalisierung und damit auch ihre Vorteile zu stoppen, sondern sie durch Gestalten hin zu einem sozial-marktwirtschaftlichen Prozess, welcher die negativen Auswüchse korrigieren kann, weiterzuentwickeln.

Quo vadis Jugendwerk?

Wie sehen nun die aktuellen Entwicklungen im Verband aus, die es möglich machen eine solch große Aufgabe besser bearbeiten zu können?

Im April 2008 wird ein weiterer Meilenstein für ein neues Projekt innerhalb des Jugendwerks genommen. Dieses Projekt firmiert im Moment unter dem Namen "JW-Francas-Netzwerk" und der Startschuss ist bereits vor vielen Jahren gefallen. Doch damals und noch bis vor wenigen Wochen, konnte sich niemand vorstellen, mit welcher Dynamik sich die Geschichte fortsetzt. Im Jahr 2003 sind erste Kontakte zwischen dem Jugendwerk und einer Organisation in Frankreich entstanden, welche sich "Les Francas" (oder kurz: Francas) nennt. Die Francas sind ein Kinder- und Jugendverband, der 1944 entstanden ist und heute in der ganzen französischen Republik mit Gliederungen bis zur Ortsebene vertreten ist. Inhaltlich gibt es deutliche Überschneidungen bei Zielen, Werten und Vorstellungen zwischen dem Jugendwerk und den Les Francas. Sicherlich auch deshalb ist der Kontakt in den letzten Jahren zunehmend intensiver geworden und hat sich zu einer Freundschaft entwickelt, welche von beiden Seiten geschätzt und gepflegt wird.

Im Oktober 2007 konnte ein größerer Kreis von interessierten Jugendwerkern und Gliederungen auf Einladung der Francas nach Montpellier reisen und an einem Seminar zum Thema deutsch-französischer Jugendaustausch teilnehmen. Aus dieser Gruppe heraus wurde die Idee geboren, sich zu einem Netzwerk zusammenzuschließen, aus dem heraus die Zusammenarbeit mit den Francas nachhaltig und effizient strukturiert werden kann. Ein mögliches Modell ist dabei der Zusammenschluss von interessierten Gliederungen und Einzelpersonen über eine Serviceplattform via Internet, welche die Hauptfunktion der Vernetzung übernimmt und an den Bedürfnissen der Nutzer ausgerichtet ist. Zusätzlich könnte über Bildungsveranstaltungen und projektbezogene Arbeitstreffen eine Intensivierung stattfinden. Die direkten und kurzen Kommunikationswege stellen dabei den großen Vorteil dieses Modells dar. So könnte diese Plattform mehrere wichtige Aufgaben übernehmen:

1. Information: Das Wissen, welches sich bei aktiven Gliederungen und Personen ansammelt und einen riesigen Wert für das Jugendwerk darstellt, kann z.B. mit Hilfe eines Wikis allen Teilnehmern zur Verfügung gestellt werden. Dadurch können bereits aktive Jugendwerke unterstützt und die Zutrittsbarrieren für neue Jugendwerke deutlich abgebaut werden,

2. Kommunikation: Dabei kann sowohl die interne Kommunikation zwischen den Jugendwerken, zwischen den Jugendwerken und dem Netzwerk, als auch zwischen Jugendwerken oder dem Netzwerk mit externen Teilnehmern unterstützt werden,

3. Matching: Durch die hohe Informationsdichte innerhalb des Netzwerks können für Projekte passende Partner sowohl innerhalb als auch außerhalb des Jugendwerks gesucht und gefunden werden,

4. Hilfe: Es könnte den Teilnehmern mit Hilfe z.B. eines Forums ermöglicht werden, Fragen zu stellen sowie den anderen Teilnehmern durch eigene Erfahrungen Fragen zu beantworten und Hilfe anzubieten.

Eine Diskussion dieses Modells, eventueller Alternativen, sowie der weiteren Vorgehensweise und Meinungsbildung innerhalb des Jugendwerkes wird vom 4.-6. April 2008 in Köln stattfinden, wo das Bundesjugendwerk eine Bildungsveranstaltung zum Thema "Jugendwerk & Francas" anbietet. An dieser Veranstaltung werden auch Teilnehmer der Francas teilnehmen, mit denen sich auch direkt über die Entwicklung ausgetauscht werden kann.

Der Plan über das weitere Voranschreiten des Projektes steht darüber hinaus noch zur Diskussion und wird sich an den Bedürfnissen und dem Einsatz der beteiligten Personen orientieren. So könnte der momentan enge deutschfranzösische Bezug in Zukunft auch auf einen umfassenden internationalen Kontext erweitert werden. Ebenso wäre ein Transfer dieser Idee bei einem Erfolg des Konzepts auf weitere Anwendungsbereiche innerhalb des Jugendwerks gut vorstellbar und könnte daher auch als ein Pilotprojekt gesehen werden.

Zum Schluss möchte ich noch auf zwei Erfolge verweisen, die bereits durch das Netzwerk realisiert wurden und dabei im einen Fall eine internationale Maßnahme zu ermöglichte und im anderen dabei geholfen hat, einen Kontakt zu einem Partner herzustellen. Ende Mai wird es einen internationalen Fachkräfteaustausch in Straßburg von unserem Partner Les Francas unter der Beteiligung des Jugendwerkes geben. Diese Veranstaltung, die ursprünglich mit dem Bezirksjugendwerk Niederrhein als Partner von Jugendwerksseite her angedacht war, aber leider nicht von ihnen übernommen werden konnte, wird nun von Netzwerkern betreut und mit unseren französischen Freunden zusammen inhaltlich aufgebaut. Thema wird die europäische Bürgerschaft und die Möglichkeiten für internationale Jugendaustauschmaßnahmen in diesem Kontext sein und es ist unter anderem ein Besuch des Europäischen Parlaments vorgesehen. Die andere Veranstaltung ist eine internationale Jugendbegegnung des Landesjugendwerks Sachsen-Anhalt, die im Juli stattfinden wird. Es werden Jugendliche aus insgesamt fünf Ländern erwartet und man wird sich dem Thema "Globalisierung und Nachhaltigkeit" widmen. Hier konnte mit Hilfe des Netzwerks der Kontakt zu den Francas hergestellt werden.

Diese beiden Beispiele zeigen, dass die Vision des Netzwerks funktionieren kann. Ein starkes Netzwerk kann dabei helfen, die internationale Jugendarbeit im Jugendwerk zu vereinfachen und abzusichern. Eine gute Position im internationalen Bereich ist eine große Chance für das Jugendwerk und die Kinder und Jugendlichen an sich. Hier können wir unsere Stärken einsetzen und mit aktuellen Themen gestaltend wirken.

Jean Patrick Protze

Unsere Verbandszeitschrift Exzess

Dieser Artikel erschien in der Exzess-Ausgabe 1/2008.

Die EXZESS ist unsere Verbandszeitschrift, erscheint vierteljährlich und hat immer ein aktuelles Schwerpunktthema.

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