InterKulturell on Tour

23.10.2008


Deutschland ist ein Einwanderungsland. Für diese einfache Erkenntnis haben Gesellschaft und Politik lange gebraucht. Nun geht es darum, das Zusammenleben der Menschen mit und ohne Migrationshintergrund in Deutschland zu gestalten. Die interkulturelle Öffnung, die dafür notwendig ist, bezieht auch die Kinder- und Jugendhilfe mit ein. Das Projekt "InterKulturell on Tour" will zu dieser interkulturellen Öffnung beitragen, indem es auf struktureller Ebene Kontakte zwischen Jugendarbeit und Migranten- (selbst)organisationen herstellt.

Projektträger sind das Service-, Beratungs- und Qualifizierungsbüro transfer e.V., IJAB, Fachstelle für internationale Jugendarbeit der Bundesrepublik Deutschland e.V., das im selben Haus angesiedelte Büro JUGEND für Europa sowie die bundesweiten Träger Naturfreundejugend Deutschlands, Deutsche Sportjugend und VIA e.V. Das Projekt wird aus dem Kinder- und Jugendplan des Bundes und aus dem EU-Programm "Jugend in Aktion" gefördert und von der Fachhochschule Köln (Prof. Andreas Thimmel) wissenschaftlich begleitet.

Durch die gemeinsame Planung, Durchführung und Auswertung einer konkreten internationalen Jugendbegegnung bzw. Jugendreise sollen nachhaltige Kooperationen und Netzwerke zwischen Jugendverbänden und Migranten(selbst)organisationen aufgebaut werden: Jugendliche mit und ohne Migrationshintergrund unternehmen gemeinsam eine Aktivität, die Spaß macht, und entwickeln Beziehungen auf Augenhöhe. Durch die gemeinsame Durchführung der Jugendbegegnung im Sommer 2008 bauen auch die beteiligten Organisationen Kooperationsstrukturen auf. Diese Strukturen bleiben auch nach Ende des Projektes wirksam und tragen so zu einer nachhaltigen Vernetzung bei. Die Ergebnisse des Projekts werden in einem Leitfaden zusammengefasst, der als Arbeitshilfe allen Interessierten zur Verfügung stehen wird.

Anfang Januar 2008 hat sich die Steuergruppe des Projekts "InterKulturell on Tour" in Köln konstituiert. Insgesamt 16 Personen aus Migranten(selbst)organisationen, migrationsbezogener Jugendarbeit, Jugendverbandsarbeit, sportlicher Jugendarbeit, internationaler Jugendarbeit sowie aus der Wissenschaft begleiten die Umsetzung und Dokumentation des Ende 2007 gestarteten Projekts.

Die Anfang Dezember 2007 gestartete Interessensbekundung für die Mitwirkung im Projekt hat zu über 60 Rückmeldungen geführt. Ein erstes Sondierungstreffen der möglichen Projektpartner fand im Februar 2008 in Oberwesel/Rhein statt. Über 60 Verantwortliche aus der internationalen Jugendarbeit und aus Organisationen der Jugendmigrationsarbeit (von Migranten- (selbst)organisationen bis zu Jugend-migrationsdiensten) nahmen an dem Treffen teil. Über 20 Organisationen waren bereits mit einem Tandempartner gemeinsam angereist und konnten während des Treffens Details für ihre geplanten internationalen Jugendbegegnungen und Kinder und Jugendreisen besprechen. Über 20 weitere Organisationen nutzten das Treffen, um neue Tandems für eine geplante Kooperation zu bilden. Weitere Teilnehmende nutzten die Gelegenheit, um sich mit Unterstützung durch die Projektträger und eine Expertin aus dem Bundesverwaltungsamt mit Förder- und Finanzierungsfragen (nicht nur) in der internationalen Jugendarbeit vertraut zu machen.

Erstmals Ende Februar 2008 traf sich das von der Naturfreundejugend Deutschlands koordinierte Redaktionsteam zur Dokumentation der Projektergebnisse. In einem Leitfaden werden typische Schwierigkeiten, Konflikte und Missverständnisse in der Zusammenarbeit zwischen der internationalen Jugendarbeit und Migranten( selbst)organisationen ebenso wie methodische Tipps für einen Kontakt auf Augenhöhe zusammengestellt.

Im März wurden dann die endgültigen Projektpartner ausgewählt. 13 Maßnahmen mit 26 Tandempartnern auf deutscher Seite werden über das EU-Förderprogramm JUGEND für Europa gefördert, 10 weitere mit 20 Tandempartnern auf deutscher Seite aus dem Kinder- und Jugendplan des Bundes.

Ein gemeinsames Vorbereitungswochenende für die Projektverantwortlichen der Maßnahmen fand Anfang Juni in Helmarshausen (Nordhessen) statt. Auf über 15 internationalen Jugendbegegnungen und Kinder- und Jugendreisen im In- uns Ausland trafen dann im Sommer deutsche Tandems auf ausländische Partnergruppen und Zielregionen. Die Tandems bestehen aus einer "traditionellen" deutschen Jugendgruppe aus einem Jugendverband, einem Jugendzentrum oder einer Jugendinitiative mit "mehrheitsdeutscher" Prägung und einer Migranten(selbst)organisation.

Eine internationale Begegnung zwischen Zeckenplage und Bombenanschlägen fand beispielsweise im türkischen Karabük statt. Der stellvertretende Gouverneur der Provinz Karabük war ganz erstaunt, als er die TeilnehmerInnen der internationalen Jugendbegegnung Bremen-Karabük begrüßte: "Ich komme mir vor, als würde ich vor der UN-Vollversammlung sprechen", waren seine Worte, als er erfuhr, aus welchen Ländern die Ursprungsfamilien der deutschen TeilnehmerInnen stammen. Vertreten waren Sri Lanka (Tamilen), Großbritannien, Libanon, Deutschland, Iran, Irak, Nigeria, Polen und die Türkei. Zu dieser sehr gemischten Gruppe kam es durch eine Kooperation des Jugendrotkreuz Bremen und der Interkulturellen Werkstatt im Bremer Stadtteil Tenever. Viele der Teilnehmenden aus Bremen waren zum ersten Mal im Ausland oder zum ersten Mal außerhalb ihres Klassenverbandes mit einer Gruppe auf Reisen. Bedauerlicherweise mussten die geplanten Programmpunkte Canyoning und Waterwalking aufgrund einer Zeckenplage gestrichen werden. Der zweitägige Aufenthalt in Istanbul musste ebenfalls storniert werden, da sich dort einige Tage zuvor Bombenanschläge ereigneten und die Teilnehmenden auf diesen Programmpunkt verzichteten. "Jedoch erlebten die Teilnehmenden auch so, dass es in der Türkei sehr unterschiedliche Lebensformen gibt und sich Stadt und Land stark unterscheiden," so Ibrahim Bagarkasi, Referent beim Jugendrotkreuz Bremen. Ein weiterer Höhepunkt war die Teilnahme an einem türkischen Hennaabend.

Wie auch bei den anderen Maßnahmen, die im Rahmen des Projekts InterKulturell on Tour exemplarisch begleitet und unterstützt werden, sind eine intensive Auswertung und die wissenschaftliche Begleitung wichtig, um übertragbare Erkenntnisse im Hinblick auf das Projektziel zu liefern: Die Erfahrungen sollen in einen dauerhaften Aufbau von Kooperationsstrukturen zwischen Trägern der internationalen Jugendarbeit und Migranten(selbst)organisationen einfließen, den Zugang von jungen Menschen mit Migrationshintergrund zur internationalen Jugendarbeit verbessern helfen und in einem Leitfaden dokumentiert werden. Gebündelt werden die Erfahrungen auch auf einem gemeinsamen Auswertungstreffen der Maßnahmen im November 2008.

Im Frühjahr 2009 ist eine "Nachhaltigkeitskonferenz" geplant, bei der die Projektergebnisse vorgestellt werden und für weitere interessierte Organisationen und Einzelpersonen ein "Zustieg" zum entstehenden Netzwerk möglich ist.

Ein quartalsweise erscheinender E-Mail- Newsletter, der regelmäßig über den Projektverlauf informiert, kann mit einer E-Mail an druecker@naturfreundejugend.de angefordert werden.

Ansgar Drücker

Naturfreundejugend Deutschlands