Fortschritt ohne die Menschen ist keiner! Was könnte sozialer Fortschritt am Anfang des 21. Jahrhunderts sein?

24.09.2004

Höher, schneller, weiter - damit ist die aktuell (vor)herrschende Vorstellung von "Fortschritt" wohl recht gut beschrieben. Dabei wird das Fortschreiten meist in technischen Kategorien gedacht. Dabei ist feststellbar: Auch die Ökonomisierung aller Lebensbereiche schreitet unaufhaltsam fort. Doch ist das zwangsläufig auch ein Fortschritt?

Sozialabbau, wachsende soziale Ungleichheit, Zunahme staatlicher Repression, erneute Verstärkung der Militarisierung internationaler Politik, rücksichtslose Ausbeutung von Natur und Mensch sowie ein realpolitischer Bedeutungsverlust von Grundwerten wie Demokratie, Freiheit, Solidarität - all diese und noch viele andere Tendenzen sind die Folge der Vorrangstellung ökonomischer Prinzipien vor sozialen, menschlichen und ökologischen Idealen. Dieser "fortschreitende" Prozess der Ökonomisierung erfasst immer weitere Bereiche der individuellen Lebenswelt. So reden wir z.B. wie selbstverständlich vom "Arbeitsmarkt", sogar vom "Beziehungsmarkt" und alle privaten Bedürfnisse werden immer mehr an Lohnarbeit ausgerichtet, also letzten Endes an ökonomischen Maßstäben.

Die Freiheit des Marktes steht dabei häufig im Gegensatz zur Freiheit und zu den Bedürfnissen der Menschen. Stichworte wie "Innovation", "Wachstum", "Markt", "Konkurrenz", "Wettbewerbsfähigkeit", "(ökonomische) Effektivität", "Flexibilität" und auch "Fortschritt" sind zu vermeintlich selbstverständlichen Zielen geworden. Die Frage, ob diese ökonomischen Leitziele nun auch einen gesellschaftlichen, einen sozialen Fortschritt - oder Rückschritt - darstellen, spielt meist keine Rolle mehr. Das wird meist stillschweigend vorausgesetzt, obwohl im Alltags(er)leben alle erfahren, wie ökonomische Maßstäbe oft emotionale und solidarische Beziehungen verdrängen. Das zeigt sich, wenn der persönliche "Fortschritt" auf dem Arbeitsmarkt keine Räume mehr für ehrenamtliches Engagement möglich macht. Aber auch, wenn Familien zerbrechen, da die betriebswirtschaftlich-ökonomisch verlangte "Flexibilität" oder "Mobilität" soziale Beziehungen abtötet. Und ebenfalls, wenn Kinder de facto ohne ihre Eltern aufwachsen, da diese schlicht nicht mehr oder selten zu Hause sind, weil sie in ihren Jobs flexibel und mobil sein müssen. "Patchwork"-Biographien nennt das die Soziologie nüchtern. Aber stellt all dies sozialen Fortschritt dar? Ist es fortschrittlich, wenn Demokratie dazu verkommt, dass politische Entscheidungsträger alle paar Jahre aufs "Ablasskreuz des Stimmviehs" am Wahltag schielen? Und in der Zwischenzeit besteht ihr Demokratieverständnis zugespitzt aus einer oligarchischen "Basta"-Politik?

Die Debatte über Nachhaltigkeit und die "Grenzen des Wachstums" in den 80er und 90er Jahren zeigte, dass die ökologischen und sozialen Grenzen des Wachstums schon lange erreicht sind. Es wurde deutlich, dass ein nicht wachstums- und nicht profitorientierter, ein sozialer Fortschritt möglich und notwendig ist, wenn Menschheit und Erde nicht zu einem Kapitel der Weltraumgeschichte werden sollen.

Sozialer Fortschritt sollte als Fortschreiten des Sozialen verstanden werden. Die aktuellen Reformen und Veränderungen deuten aber in eine andere Richtung. "Agenda 2010" und Hartz-Konzepte z.B. bedeuten für viele eine soziale Verschlechterung ihrer Lebensbedingungen. Die Grundfrage hinter alledem ist die, ob die Wirtschaft den Bedürfnissen der Menschen dienen soll oder umgekehrt? Sozialer Fortschritt ist meines Erachtens dann gegeben, wenn die Bedürfnisse der Menschen im Mittelpunkt stehen. Dafür müsste aber die Vorherrschaft des ökonomischen Denkens und Handelns stark zurück gedrängt werden. Sonst handelt es sich um soziale Rückschritte.

Ich will nur zwei konkrete Handlungsfelder aufzeigen, an denen sich das verdeutlicht:

1. Durch die "Agenda 2010" werden Menschen dazu gezwungen, jede Arbeit anzunehmen. Ganz gleich, welchen Beruf sie vorher erlernt haben oder welche Bedürfnisse sie haben. Dabei stehen betriebswirtschaftliche Aspekte im Vordergrund. Es ist eher unsicher, ob diese Art von Arbeitszwang gesamtgesellschaftlich sinnvoll ist. Der Niedriglohnsektor wird dadurch ausgeweitet. Leute werden zwei oder drei Jobs gleichzeitig machen und trotzdem unter der Armutsgrenze leben. Bestimmte Formen von Armut werden zunehmen: z.B. so genannte "Working-poor-Familien".

Ein sozialer Fortschritt könnte sein, über folgende Fragen nachzudenken: Macht es gesellschaftlich Sinn, Lohnarbeit zu erzwingen, wenn nicht mehr genügend da ist? Haben Menschen nicht weil sie Menschen sind ein Anrecht auf menschenwürdiges Leben? Müssen sie sich dieses Recht wirklich "verdienen"? Dazu gibt es interessante Anregungen in der Grundeinkommens-Debatte.

2. Weltweit sind genügend gesellschaftliche Reichtümer vorhanden und trotzdem sterben noch Menschen an Hunger oder einfachen Krankheiten oder leben in Elend und Armut. Muss das so sein? Sollte sozialer Fortschritt nicht eher darin bestehen, die Ergebnisse der technischen und ökonomischen Entwicklung sozialen und ökologischen Belangen unterzuordnen? Neben einer gerechteren Verteilung der vorhandenen Reichtümer sollte dabei auch der Aspekt, wie diese Reichtümer zustande kommen, in die Perspektive geraten. So ist es z.B. sozial nicht fortschrittlich, dass Menschen in so genannten Entwicklungsländern in 12-Stunden-Schichten den Reichtum der reichen Länder produzieren, oder?

Letzten Endes geht es um die Definitionsmacht, was sozialer Fortschritt bedeuten kann. "Sozialer Fortschritt" ist ein relativer Begriff. Wir alle verstehen darunter etwas anderes. Gesellschaftlich gesehen ist es von Bedeutung, welche Begriffsdeutung und welche dahinter stehenden Ziele sich durchsetzen.

Und doch ist eines gewiss: Fortschritt ohne die Menschen ist einer, aber kein sozialer!

Der Gastautor ist Verbandsreferent des Bundesjugendwerkes der Arbeiterwohlfahrt. (www.bundesjugendwerk.de)

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