Sind wir nicht alle ein bisschen politisch?

15.04.2009


Stellt euch mal vor, jemand fragt euch, vor welchem Beruf ihr am meisten Achtung habt. Was würdet ihr antworten? Sicherlich würden hier die unterschiedlichsten Berufe genannt werden. Mit hoher Wahrscheinlichkeit ist jedoch vor allem ein Beruf dabei: Arzt bzw. Ärztin. Jedenfalls würde man das erwarten, wenn man einer Umfrage des Allensbach Instituts für Demoskopie glauben möchte. Das stellt eben diese Frage jedes Jahr einer repräsentativen Bevölkerungsstichprobe in Deutschland und stellte zuletzt fest, dass 78% der Befragten vor dem Arztberuf große Achtung haben. Mit großem Abstand folgen dann Berufe wie Pfarrer (39%), Hochschulprofessor (34%) oder Grundschullehrer (33%), die immerhin noch von etwa einem Drittel der deutschen Bevölkerung geachtet werden.

In einem ständigen Abwärtstrend befindet sich jedoch vor allem das Berufsbild des so genannten Politikers.[1] Seit einem zwischenzeitlichen Beliebtheitsrekord von 27% Anfang der 70er Jahre in Westdeutschland fällt der Anteil derer, welche angeben Achtung vor Politikern zu haben, stetig ab. Inzwischen beziehen lediglich 6% der gesamtdeutschen Befragten den Politiker in die Liste der beachtenswerten Berufe mit ein.

Man kann nun viel darüber spekulieren, was die Ursachen für diesen Image-Verlust sein könnten. An dieser Stelle soll jedoch vor allem die Frage aufgeworfen werden, ob das schlechte Image der Politiker auch ein schlechtes Image der Politik ist. Das Wort Politikverdrossenheit ist seit Jahren in aller Munde. Handelt es sich aber nicht eigentlich um eine Politikerverdrossenheit? Handelt es sich um eine Unzufriedenheit mit dem System oder mit den im System maßgeblich agierenden Personen?

Vor allem sollte man sich die folgende einfache Frage stellen: Was ist eigentlich ein Politiker/ eine Politikerin? In der Allensbach-Umfrage ist explizit vom Beruf des Politikers die Rede. Nacheiner Definition von Max Weber gibt es jedoch außer dem "Berufspolitiker" noch zumindest zwei andere Arten des "Politiker-Daseins", welche wir, wenn wir von Politikern reden, leider häufig nicht mitdenken. Dadurch wird jedoch der negative Beigeschmack, den offenbar viele mit dem Berufspolitiker verbinden, auf den Gesamtbegriff "PolitikerIn" generalisiert. Wer möchte sich dann schon selbst gerne als PolitikerIn bezeichnen?

Neben den Menschen, die ihren Lebensunterhalt durch politisches Handeln verdienen, gibt es auch "nebenberufliche PolitikerInnen". Personen, die neben ihrer beruflichen Tätigkeit - z.B. in einer Partei oder in anderen politischen Vereinigungen - ein Amt in einem Vorstand oder einen ähnlichen Posten bekleiden, fallen in diese Kategorie. Somit könnte man auch Menschen, die im Jugendwerk der AWO als politischem Kinder- und Jugendverband ehrenamtliches Mitglied eines Vorstands sind oder in anderer Weise Verantwortung übernehmen, als "PolitikerInnen" bezeichnen.

Die dritte Art von PolitikerInnen sollte jedoch für uns, die wir großen Wert auf Partizipation und Basisdemokratie legen, die allerwichtigste sein. Max Weber spricht hier von den "GelegenheitspolitikerInnen". Dies sind nicht nur Personen, die hier und da mal ein Wahlplakat kleben oder einen Wahlkampfstand betreuen. Jede Person, die ihre Meinung und ihren Willen zu politischen Themen bekundet fällt unter diese Kategorie - sei es durch eine Rede, eine Abstimmung/Wahl, die Unterschrift bei einer Petition oder einfach nur durch Beifall in einer "politischen" Versammlung.

Und hier sind wir nun bei der Kernaussage angekommen, welche dieser Artikel machen möchte. Es geht hier nicht darum, ein Plädoyer für das Image der BerufspolitikerInnen zu halten. Es geht um ein Aufbrechen der Trennung der Gesellschaft in Politiker und "Nicht-Politiker". Setzt man Politik mit Berufspolitik gleich, so wäre dies die logische Konsequenz: Dass ich, wenn ich meinen Lebensunterhalt nicht durch ein politisches Mandat verdiene, kein Politiker bin.

Wir alle sind Politiker und Politikerinnen! Alle, die wir Ideen haben, wie die Welt ein wenig besser sein könnte und daran arbeiten, diese Ideen Wirklichkeit werden zu lassen - sei es durch politische Lobbyarbeit, durch Bildungsveranstaltungen oder durch konkretes praktisches Handeln (z.B. auch die Begleitung von Kinder- und Jugendfreizeiten).

Ich weiß, dass die Frage, ob wir als Jugendwerk "politisch" sein wollen oder nicht, schon öfter zu Differenzen und sogar zu Spaltung geführt hat. Das negative Image dessen, was viele unter Politik verstehen, hemmt uns manchmal, uns selbst als politisch zu bezeichnen. Und dennoch sind wir es bei nahezu allem, was wir als Kinder- und Jugendverband tun, weil wir versuchen unsere Welt gemeinsam zu gestalten - ob im Kleinen oder im Großen. Das ist Politik!

Ein kürzlich erschienenes Buch von Franz Müntefering trägt als Titel den wortspielerischen Aufruf "Macht Politik!". Ich verstehe unter Politik weit mehr als nur Parteipolitik, weit mehr als nur Berufspolitik. Dazu gehört für mich genauso, dass wir alle unsere Meinungen und Ideen einbringen und vertreten, wo wir nur können, und uns nicht damit zufrieden geben, alle vier Jahre einen Zettel in eine Urne zu werfen. Setzt man dieses Verständnis von Politik voraus, so kann ich mich dieser Aufforderung nur anschließen!

Georg Förster

Vorsitzender des Bundesjugendwerks

[1] Das Fehlen der geschlechtsneutralen Endung ist hier beabsichtigt, da in der Umfrage tatsächlich von Politikern die Rede war. ^