Get rich, or die trying! - Teil 8: Epilog

23.10.2008: Exzess-Serie von Christian Burmeister.
Teil 1: Exzess 03-04/2006
Teil 2: Exzess 01/2007
Teil 3: Exzess 02/2007
Teil 4: Exzess 03/2007
Teil 5: Exzess 04/2007
Teil 6: Exzess 01/2008
Teil 7: Exzess 02/2008



In den letzten sieben Ausgaben der Exzess erschienen die ersten sieben Teile dieser Serie, die sich mit den Hintergründen der Themen Kinderarmut und Grundeinkommen beschäftigt. Im ersten Teil wurde begründet, warum diese Themen von besonderer Relevanz für das sozialpolitische Profil des Jugendwerks sind. Im zweiten Teil ging es um die Basis jeglicher sozialpolitischen Diskussion - um die Geheimnisse der Lohnarbeit. Der dritte Teil legte den Fokus auf die sozialstaatliche Struktur und das Versprechen von gesellschaftlicher Teilhabe. Der vierte Teil widmete sich dem zentralen Begriff von sozialpolitischem Denken - der Gerechtigkeit. Hier ging es darum, den Begriff der Bedürfnisgerechtigkeit gegen die Leistungsgerechtigkeit zu Felde zu führen. Im fünften Teil ging es um Bildung als Dimension sozialer Ungleichheit. Im sechsten Teil der Serie habe ich den Blick über den Tellerrand gewagt und zu dem scheinbaren "Sachzwang" der Globalisierung Stellung bezogen. Im siebten und letzten Teil der Serie schloss sich die Schleife, um wieder auf die Frage der praktischen und politischen Ausrichtung des Jugendwerkes zu kommen. Dieser Epilog schaut nun zurück auf zwei Jahre innerverbandliche Diskussion um sozialpolitische Themen und auf die Ergebnisse der Bundeskonferenz.


Die Idee der sozialpolitischen Offensive


Mittlerweile leben rund 2,5 Millionen Kinder unter 18 Jahren in der BRD unter der Armutsgrenze. Kinder sind damit die größte von Armut betroffene Risikogruppe. Diese Zahl ist zunächst lediglich eine abstrakte, unpersönliche und leblose Nachricht, die ab und an folgenlos durch die Presse geistert.

Für das Jugendwerk verbirgt sich hinter dieser Zahl konkrete Erfahrung mit von Armut betroffenen Kindern und Jugendlichen. Jedem einzelnen von Armut Betroffenen werden Tag für Tag Entwicklungsmöglichkeiten vorenthalten. Das Versprechen von einer "offenen Gesellschaft" entlarvt sich als gesellschaftliche Lüge. In unserer Praxis der Ferienfahrten- und Bildungsarbeit, oder auch mit konkreten Hilfsprojekten, versuchen wir dagegen anzugehen.

Wir stoßen jedoch an Grenzen, die von den politischen Rahmenbedingungen gesetzt werden. Daraus ergibt sich, dass wir unsere Handlungsfähigkeit erweitern müssen. Die Idee einer sozialpolitischen Offensive will diese Handlungsfähigkeit durch die Entwicklung von sozialpolitischen Positionen erweitern. Dabei kommt es darauf an, dass wir uns bewusst mit dem Thema auseinandersetzen, Abstand gewinnen, kreativ sind, alte Denkmuster verlassen und gesellschaftspolitische Visionen entwickeln.

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Der AK Wohlstand


Der Arbeitskreis "Kinderarmut und Grundeinkommen" (kurz "AK Wohlstand") innerhalb der Arbeitsgemeinschaft "Partizipation und Verbandsentwicklung" des Jugendwerkes zeigt uns Möglichkeiten auf, wie informelle und non-formale Lernprozesse ablaufen können.

An diesem Prozess waren über zwei Jahre bis zu 30 aktive ehrenamtliche "Laien" aus vielen verschiedenen Jugendwerksgliederungen beteiligt. Die zunächst grundsätzliche Klärung der Ausgangslagen mit zentralen Fragestellungen, zu Grundeinkommensmodellen und der Armutssituation im Allgemeinen, machte die AK-Mitglieder im Laufe der Zeit zu informellen sozialpolitischen Experten und Expertinnen.

Flankiert wurde dieser Prozess durch die Bildungsarbeit des Bundesjugendwerkes. Die vier Veranstaltungen der Jugendwerks- Akademie verbanden Ziele, Inhalte und Methoden zu praktisch anwendbaren Konzepten. Diese halfen zunächst, abstrakte Themen lebendig zu machen. Die daraus hervorgegangenen Konzepte (Sozialpolitisches Konzept und Bildungskonzeption) des Jugendwerkes dokumentieren diesen Reflexionsprozess. Es entstanden aber auch in diesem Zusammenhang viele Artikel (unter anderem diese Serie), die Ausdruck der Vermittlung und Reflexion sind.

Wer zwei Jahre so intensiv zusammenarbeitet und Zeit investiert, verändert sich. Es entsteht so etwas wie ein Gruppengefühl. Vielen mag eine solche Gruppe suspekt erscheinen. Zum einen, weil es suspekt ist, sich mit solchen Themen so intensiv zu befassen und zum anderen weil so eine Gruppe innerhalb von zwei Jahren eine Eigendynamik entwickelt, die nach außen abgehoben aussehen kann.

Auf einmal sind da "ExpertInnen", die sich ein Wissen erarbeitet haben, das andere erstmal nicht haben. Dabei wird vergessen, dass diese Leute sich durch ein hohes Engagement selber aus dem "Laien-Status" entwickelt haben. Dahinter verbirgt sich keine Zauberei oder Arroganz. Allen ist es möglich, sich nach individuellen Zeitkontingenten und verschiedenen Intensitäten auf Grundlage unserer Verbandsgeschichte ehrlich und offen mit Inhalten auseinanderzusetzen. Das ist ein lebendiger und für alle jederzeit offener Bildungsprozess. Das sind wir uns und unserer Zielgruppe, den Kindern und Jugendlichen, schuldig.

Dabei hat erstmal niemand die Wahrheit gepachtet, aus diesem Grund stimmen wir in demokratischen Prozessen unsere Verbandspositionen ab. Wichtig dabei ist, dass so eine Diskussion inhaltlich geführt wird. Die Beteiligten sollten sich mit den erarbeiteten Positionen beschäftigen und argumentativ auseinandersetzen, um zu verbindlichen Positionen zu kommen, auf deren Grundlage ein politisches Handeln erfolgen kann. Dafür gibt es die Arbeitsgemeinschaft "Partizipation und Verbandsentwicklung", dafür stand und steht der AK Wohlstand, dafür gibt es die Verbandszeitschrift, die Jugendwerks-Akademie, die Homepage, die Regionalkonferenzen und die Gremien des Verbandes. Das ist gelebte kommunikative Partizipation, dafür steht das Jugendwerk!

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Die Bundeskonferenz


Diskussionen sind wichtig, jedoch gilt es auch, Ergebnisse festzuhalten und praktisch werden zu lassen. Alle zwei Jahre gibt es für solche Zwecke die Bundeskonferenz. Hier kommen die Delegierten der Gliederungen zusammen, um Ziele, Inhalte und Positionen des Jugendwerkes zu diskutieren und festzulegen.

Bei aller Unterschiedlichkeit werden hier Verbindlichkeiten für den "Bauchladen" Jugendwerk geschaffen. Der Name bekommt dadurch Profil. Auf der diesjährigen Konferenz hat er sich ein sozialpolitisches Profil gegeben. Bereits im Vorfeld war zu spüren, dass bei allen Unterschieden in der Sache das "sozialpolitische Gefühl" befreiend über der Veranstaltung lag. Der Vorsitzende der AWO, Wilhelm Schmidt, machte sein Grußwort zu einer sozialpolitischen Ermunterung für das Jugendwerk.

Hier wurde klar, dass die AWO uns auch politisch ernster nimmt, wenn wir uns politisch äußern. Bei diesem Thema legten wir vor und reagierten nicht bloß auf Positionen der AWO. Die spannende Frage war jedoch, ob das, was der AK erarbeitet hat, auch die Zustimmung der Konferenz finden würde. Allein schon der Umfang des Papiers weckte bei manchen Delegierten ein gewisses Unbehagen. Der AK Wohlstand bot im Vorfeld Workshops zum Thema an, um den Delegierten die Möglichkeit zu geben, sich zu informieren und zu diskutieren. Eine zweiseitige "Erklär-Bär"-Version des Konzeptes wurde verteilt und die Hauptpunkte des Papiers wurden visualisiert. Alles war gut vorbereitet und man konnte sich nun auf die Antragsberatung freuen.

Das Jugendwerk präsentierte sich von seiner besten Seite. Kontrovers, neugierig und inhaltlich wurde vor allem um das im Konzept vorgeschlagene "bedingungslose Grundeinkommen" als Armutsprävention diskutiert. Es lagen keine Änderungsanträge vor, so dass es um alles oder nichts ging. Eine Stunde lang wurde unter breiter Beteiligung um den besten Weg gerungen. Alle sprachen sich für die Wichtigkeit des sozialpolitischen Ansatzes aus, viele wollten sich jedoch noch einmal intensiver mit dem Thema auseinandersetzen und in zwei Jahren erneut abstimmen.

Am Ende wurde das "sozialpolitische Konzept des Jugendwerkes der AWO", so wie es vorlag, mehrheitlich beschlossen. Das Jugendwerk wäre nicht das Jugendwerk, wenn es beschlossene Anträge nicht auch praktisch macht, und so wurde auch noch der Antrag zu einer "sozialpolitischen Offensive" mit Broschüre, Bildungsveranstaltungen, Öffentlichkeitsarbeit, Lobbyarbeit, Fortsetzung des AK Wohlstand und Mitgliedschaft im Netzwerk Grundeinkommen, auf der Grundlage des Konzeptes, mit großer Mehrheit beschlossen. Damit sind zwei Dinge auf den Weg gebracht:

Erstens gibt es nun zum ersten Mal in der Geschichte des Jugendwerkes eine umfangreiche sozialpolitische Position, mit der nach innen wie nach außen politisch gearbeitet werden kann.

Zweitens ist der Weg für weitere intensive Auseinandersetzungen mit dem Thema im Verband geöffnet. Neue Leute werden sich im AK Wohlstand oder im AK Bildung mit sozialpolitischen Themen auseinandersetzen und Positionen weiterentwickeln. Der Prozess ist für alle offen und schon im Oktober startet die AG PuV wieder in eine neue Runde.

An dieser Stelle gilt es noch einmal, den Aktiven des AK Wohlstandes und allen an der Diskussion Beteiligten zu danken und viel Motivation für die kommenden Prozesse zu wünschen. Den Anfang haben wir bereits recht erfolgreich auf dem Deutschen Jugendhilfetag gemacht. Im nächsten Jahr stehen Bundestagswahlen an, hier gilt es, die Positionen des Jugendwerkes offensiv in die Debatte zu werfen und Politik auf ihren Nutzen für das gute und schöne Leben für alle abzuklopfen.

Wohlstand, Baby!
Christian Burmeister

PS: Bis die Broschüre gedruckt wird, könnt ihr den Text des sozialpolitischen Konzeptes von der Bundesjugendwerks- Homepage runterladen

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Weitere Teile der Serie


Teil 1: Bedingungsloses Grundeinkommen, ein Thema für das Jugendwerk!
Teil 2: Arbeit ist das Gegenteil von Reichtum!
Teil 3: Der Sozialstaat und die gesellschaftliche Teilhabe
Teil 4: Leistungsgerechtigkeit versus Bedürfnisgerechtigkeit
Teil 5: Bildung als Dimension sozialer Ungerechtigkeit
Teil 6: Die Globalisierungsfalle
Teil 7: Das Jugendwerk zwischen Sozialarbeit und sozialpolitischer Opposition

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Unsere Verbandszeitschrift Exzess


Dieser Artikel erschien in der Exzess-Ausgabe 3-4/2008.

Die EXZESS ist unsere Verbandszeitschrift, erscheint vierteljährlich und hat immer ein aktuelles Schwerpunktthema.

Alle Exzess-Ausgaben als Donwload

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